Abendmahl: Das Sakrament als Lebensmittel feiern.

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Thesen für Theorie und Praxis

 

 

  1. Die neutestamentlichen Abendmahlsüberlieferungen (Mt 26,26-29, Mk 14,22-25, Lk 22,19-20 1. Kor 11,23-25) sind vielschichtig und lassen gemeinsame und unterschiedliche Akzentsetzungen deutlich werden. Sinn- und Bedeutungsaspekte sind u.a.: · Gemeinsames Essen · Leiblichkeit/Sinnlichkeit · Passah-Mahl/Exodus/Befreiung · Dank für die Schöpfungsgaben · Empfangen und Teilen · Erinnerung · Vergewisserung · Geistesgegenwart · Bund GOTTes/Reich GOTTes · Sündenvergebung (nur bei Matthäus!) · Gewalt · Dunkel · Leben und Tod · Gemeinschaft mit GOTT/Jesus Christus und untereinander · Soziale Verantwortung · Verheißung · Zukunft.

Diese vielfältigen Sinn- und Bedeutungsaspekte des Abendmahls lassen sich in der Praxis nicht alle gleichzeitig und gleichermaßen aufnehmen. Es gilt auszuwählen, was in der Gegenwart und in der aktuellen Situation vor Ort verstehbar, aufschlussreich, von Bedeutung sein könnte. Weil die Feier des Abendmahls – wie jeder Gottesdienst – ein Kommunikationsgeschehen ist, sind die Beteiligten dabei als Subjekte wahrzunehmen. Das setzt voraus, dass neben biblisch-theologischen Sachkriterien auch die gegenwärtige Lebenswelt und die Erfahrungen und Ansichten der heute zum Abendmahl Eingeladenen zu berücksichtigen sind. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch der Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit (Geschlecht im Sinne von Gender, d.h. soziokulturell verstanden), die Frage nach den gemeinsamen oder unterschiedlichen Ansichten und Anfragen von Frauen und Männern. Bei der Gestaltung und der inhaltlichen Akzentsetzung des Abendmahls sind daher Laiinnen und Laien, Menschen mit unterschiedlichem Lebenshintergrund notwendig mit einzubeziehen. Eine monologisch und hierarchisch inszenierte Feier des Abendmahls durch Amtsträger oder Amtsträgerinnen ist nicht das Wahre. Und: Das Gespräch über Abendmahl ist zu suchen, nicht nur in der Kerngemeinde.

2. Gesamtbiblisch gesehen – im Zusammenhang der Schöpfungspsalmen, der Speisungs-, Errettungs- und Über­lebensge­schich­ten Alten und Neuen Testaments und auf dem Hintergrund jüdischer Mahlzeiten – steht Abendmahl als Mahlgemeinschaft unter dem Vorzeichen, dass die Welt GOTTes Schöpfung und GOTTes Haushalt ist. Wie der jüdische Hausvater nahm auch Jesus das Brot, „dankte, teilte es, gab es ihnen und sprach: Nehmt…“. GOTTes schöpferische Geistesgegenwart und Lebenskraft deckt den Tisch. Was Leib und Seele nährt, das Alltägliche und das Besondere verdanken wir GOTT. Im Abendmahl nehmen wir auf und teilen – mit allen Sinnen, was GOTT uns lebensspendend, lebenserrettend und lebenserhaltend zukommen lässt. Die Gemeinschaft im Abendmahl wird transparent für GOTTes Zuwendung, die Leben schenkt und Leben erhält. Abendmahl ist deshalb auch als Schöpfungsmahl zu feiern, – in der Wahl der Texte, der Musik, der Lieder, der Gestaltung des Raumes. Mit allen Sinnen Abendmahl feiern können! Auch aus diesem Grund sollte Abendmahl wieder öfter, wie in seinen Anfängen, im Zusammenhang einer gemeinsamen Mahlzeit gefeiert werden.

  1. Der gesamtbiblische Horizont der neutestamentlichen Abendmahlsüberlieferungen weitet die Deutung des Abendmahls trinitarisch. Abendmahl ist Einladung der Weisheit und Ruach Gottes mitten unter uns und in uns, grenzüberschreitend.[1] Das lässt für das Abendmahl die Kategorie der Gegenseitigkeit aufnehmen, für die Beziehung zwischen den Menschen, die am Abendmahl teilnehmen, wie für die Gottesbeziehung. Gottes Geistesgegenwart und Geistbegabung bedeuten, dass Gott nicht nur von außen kommend, sondern auch von innen heraus und unter Einbeziehung und Beteiligung der Menschen „gut tut“, Heil wirkt. Die Epiklese – als Anrufung und Bitte um den Geist – in diesem Sinn zu weiten, wäre im wahrsten Sinne des Wortes aussichtsreich.
  2. Mit GOTT als Gastgeber/in ist der Tisch gedeckt über die Grenzen unserer Vorstellung hinaus, reicht die Abendmahlsgemeinschaft immer weiter als wir zu denken geneigt sind, weil der Abendmahlstisch der Tisch ist, den um GOTTes Willen niemand geistlos nach eige­nem Gutdünken decken, abdecken oder ande­ren vorenthalten kann. Das aber entzieht impliziten oder expliziten Ausgrenzungen, Vorurteilen oder Gleichgültigkeiten (antijudaistischer, konfessioneller, geschlechtsspezifischer oder welcher Art auch immer) die theologische Basis. Die Abendmahlstexte und –gebete sollten deshalb dengesamtbiblischen Zusammenhang der Geschichte Gottes mit Menschen und Welt, wie die besondere Gottesgeschichte mit Israel widerspiegeln, und nicht etwa auf die Einsetzungsworte reduziert werden. Gerechte Sprache ist zu üben (und die Abendmahlsworte nicht länger auf die „Jünger“ zu konzentrieren), ökumenische Vielstimmigkeit und Vielfalt zu suchen und eucharistische Gastfreundschaft immer wieder neu zu wagen, – zumindest aber zu erhoffen.
  3. Vor allem aber ist und bleibt Abendmahl nach übereinstimmendem neutestamentlichem Zeugnis Mahlgemeinschaft im Horizont der Geschichte GOTTes mit Menschen und Welt in Christus Jesus. Im Horizont der Menschwerdung GOTTes in Jesus von Nazareth bringt Abendmahl leibhaftig nahe, dass GOTT nicht jenseits, nicht apathisch bei sich bleibt. Abendmahl ist die Begegnung mit GOTTes Passion für Menschen und Welt. Die >Einsetzungsworte< mit ihrem ausdrücklichen Bezug auf das letzte Mahl Jesu vor Kreuzigung und Tod sind in ihrer Bedeutung nicht auf Passion und Kreuz zu isolieren, sondern im Kontext der Geschichte von Geburt, Leben, Passion, Kreuz und Auferweckung zu verstehen. Der weite christologische Horizont steht dagegen, Abendmahl vor allem oder gar ausschließlich in der Erinnerung an Sterben und Tod Jesu zu gestalten und zu feiern.
  4. Abendmahl in dem Lebenszusammenhang der Geschichte des Christus Jesus zu sehen, bedeutet nicht, dass Sünde, Schuld und Tod bagatellisiert würden. Anders als in der Sühnopfertheologie wird aber der Todesdimension der Geschichte Jesu kein eigener Stellenwert zugemessen und Sünde nicht verstanden als irreparable Zerstörung des Gottesverhältnisses, durch die der Mensch sein Dasein verwirkt hat und nur durch eine Sühnehandlung von Seiten Gottes gerechtfertigt wird. Angesichts individueller wie gesellschaftlicher Phänomene und Entwicklungen, die von zunehmender Brutalität und Gewalt bestimmt sind, verführen sühne- und opfertheologische Akzentsetzungen m.E. dazu, GOTT auf der Seite der Täter zu sehen und das „Für euch gegeben“ im Abendmahl blutig miss zu verstehen (s.u.). Wie Jesus in der Begegnung mit Menschen Sünde vergeben hat, GOTTes zuvorkommende Liebe, jenseits von Leistung und Vorgabe, gelebt hat, geschieht auch im Abendmahl Sündenvergebung, aber nicht vor allem und nicht nur hier und nicht fraglos an den Tod Jesu im Sinne von Sühne gebunden.

Die Rede von Sünde und Vergebung in Verbindung mit dem Tod Jesu und der Blutsymbolik beim Abendmahl lässt besonders viele Frauen mit Anfragen und Abwehr reagieren. Anders als die meisten Männer haben viele Frauen eine eigene Opfergeschichte, sind Frauen potentiell eher Opfer von Gewalt als Männer und reagieren entsprechend sensibilisiert, wollen das Opfer nicht, fragen nach dem Warum. Männer haben zum Opfer eher Distanz, nehmen das Opfer Jesu fragloser an, können ihm fragloser Heilsbedeutung zumessen.[2] Im Sinne von Geschlechtergerechtigkeit sind diese geschlechtsspezifischen Tendenzen bei der Gestaltung und der inhaltlichen Akzentsetzung des Abendmahls zu berücksichtigen. Z.B. könnte die Blutassoziation beim Kelch dadurch vermieden wird, dass mit Weißwein bzw. hellem Traubensaft gefeiert wird. Wenn der Akzent auf Sündenvergebung und Neuanfang liegt, sollten Lieder, Gebete, Texte, Musik, Gesten der Abendmahlsfeier eine Sprache sprechen, die vor dem Missverständnis bewahrt, es ginge auch nur im weitesten Sinn um Blutgenuss und Sühnopfermahl oder um ein Sündenverständnis, das vom Menschen schlicht unbiblisch schlecht denkt[3]. Aufschlussreich von Sünde zu reden, deutlich werden zu lassen, dass Sünde mehr ist und etwas anderes als eine moralische Kategorie, ist nicht zuletzt im Blick auf die Abendmahlspraxis gefragt.

  1. Das Sakrament, das Geheimnis des Abendmahls bezieht sich dabei nach neutestamentlichem Zeugnis und der Tradition aller christlichen Kirchen vor allem darauf, dass Jesus Brot und Kelch (in keiner der vier Überlieferungen geht es um den Inhalt des Kelches!) auf seine Person, auf seine Geschichte hin deutet: „das ist mein Leib… mein Blut des Bundes/ dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“. Brot- und Kelchwort sind im aramäischen Sprach- und Sinnzusammenhang als Ganzheitsaussagen zu verstehen (vgl. das aramäische Äquivalent für soma: >gupa< = dies ist mein Leib = mein Selbst = dies bin ich selbst im Sinne von: Das bin ich selbst für euch. Auch mit dem Kelchwort geht es mit dem >Blut< nach hebräischem Verständnis um das Leben des Christus Jesus, um ihn selbst. Die sprachliche Wendung >das Blut, das vergossen wird< ist dabei Hinweis auf die gewaltsame Art und Weise seines Todes). So unterschiedlich die >Einsetzungsworte< und ihr unmittelbarer Kontext überliefert sind, so eindeutig ist dieser Bezug: GOTTes Gabe im Abendmahl ist Anteilgabe an der Geschichte des Christus Jesus. Gemeinschaft am Tisch des Christus Jesus heißt, Anteil bekommen an ihm selbst, an seiner Selbsthingabe „für die vielen“ (eine Wendung, die im Aramäischen die umfassende Vielzahl bedeutet und damit auf alle zielt). Abendmahl ist Sakrament, wo alle empfangen und miteinander teilen, was sie sich nicht selbst geben können: Anteil an demLeben, das in Jesus von Nazareth erschienen ist. Dass mit den zentralen Stichworten: „Nehmen, danken, teilen, geben, sprechen, essen, trinken“ Verben auf das Ineinander von Wort, Handlung und Geschehenszusammenhang verweisen, bedeutet, dass sich die Wahrheit dieser Mahlgemeinschaft nicht festmachen lässt an den Elementen/Substanzen >Brot und Wein< und ihrer ‚Wandlung’ in >Leib und Blut Christi<, sondern da geschieht, wo in der Geistesgegenwart des Christus Jesus das Brot geteilt und aus dem einen Kelch getrunken wird.

Für die Abendmahlspraxis hat dies zur Konsequenz: Die neutestamentlichen Einsetzungsworte bleiben als Verba Testamenti vorgegeben, es sei denn das Abendmahl verliert seinen spezifischen christologischen Bezug! Die agendarische Mischform aber ist nicht sakrosankt. Je nach aktueller inhaltlicher Akzentsetzung des Abendmahlsgottesdienstes könnte öfter statt der Mischform eine der vier neutestamentlichen Überlieferungen gewählt werden. Auch die sogenannten ‚Spendeformeln’: „Christi Leib für dich gegeben / Christi Blut für dich vergossen“ sind nicht sakrosankt. Sprachlich verändert und herausgelöst aus ihrem Kontext verstärken sie Missverständnis und Unverständnis.[4] Formeln wie: „Nimm und iss vom Brot des Lebens. Christus für dich“ oder Trink aus dem Kelch des Heils. Christus für Dich“, lösen die sakramentale Bedeutsamkeit nicht auf und ermöglichen doch ein Mehr an Verstehen bzw. ein Weniger an Missverständnis.Dass beides im ökumenischen Horizont eine erhebliche Problemanzeige beinhaltet, ist keine Frage.

8. „Für euch gegeben“ – Was sich mit dem Opferbegriff im Einzelnen verbindet, bleibt in der deutschen Sprache schillernd. Aufschlussreich ist es m.E., auch im Blick auf den Tod Jesu zu unterscheiden zwischen Opfer menschlicher oder sonstiger (z.B. Natur-) Gewalt (engl. victim), Opfer im religiösem Sinn (engl. sacrifice) und Opfer als freiwillige Selbsthingabe. Jesus ist nach neutestamentlicher Überlieferung Opfer menschlicher – politisch und religiös motivierter – Gewalt. Er antwortet auf Gewalt nicht mit Gewalt, sondern steht mit seinem Leben dafür ein, dass GOTTes Reich nicht mit Gewalt zu beseitigen und nicht mit Gewalt zu verteidi­gen ist, dass ein für allemal auf GOTTes Bund, auf GOTTes bedingungslose Liebe Verlass ist, trotz Unrecht, Leid, Gewalt, Schuld und Tod. Jesus hält an GOTT fest und den Menschen und gibt so sein Leben hin – freiwillig! „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird… dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“: Abendmahl bringt leibhaftig nahe, dass der Tod Jesu nicht als Bedingung für GOTTes Liebe verstanden werden muss, sondern als Ausdruck dafür verstanden werden kann, dass GOTT sich in Jesus Christus mit Passion auf Menschen und Welt einlässt und den Menschen – gegen allen Augenschein! – auch in Not und Tod nicht verlässt und so unser menschliches Todeslos von unten her verwandelt. In der Auferweckung Jesu Christi von den Toten gibt GOTT Gewalt, Sünde und Tod ein für allemal Unrecht und dem Leben Jesu ein für allemal Recht. In diesem Sinn Jesu >>Opfer<<, seine freiwillige >>Selbsthingabe<<, Jesus Christus selbst anzunehmen, – als Wahrheit in/mit/unter Brot und Kelch in sich aufzunehmen, miteinander zu teilen und davon zu leben, ist m.E. ein Abendmahlsverständnis, das dem Leben dient. Abendmahl in diesem Sinn als Feier des Lebens und der Auferstehung zu gestalten, als Mahl des Bundes zwischen GOTT und Menschen, führt aus der Sackgasse blutiger Missverständnisse heraus.

  1. Im Horizont von Passion und Kreuz Jesu konfrontiert Abendmahl bleibend aber auch mit dem, was nicht gefällt und nicht ’schmeckt‘, mit dem, was nicht aufgeht, weder an Gottesvorstellung noch an Menschenbild; Abendmahl konfrontiert auch mit der verborgenen, unbegreiflichen Seite GOTTes und der dunklen Seite an uns selbst. Der Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ lässt sich nicht in Wohlgefallen auflösen. Abendmahlsfeiern, die ‚einfach nur schön sein’ sein wollen, gehen an der Wahrheit und am Leben vorbei. Deshalb ist in der Feier des Abendmahls auch nicht notorisch alles Schwere und Fragwürdige (Rede von Sünde, von Klage, von Zweifel, von Leid und Gewalt, von Opfern und Täter/innen) wegzulassen. Schuldbekenntnis und Vergebung, die Klage und die Fragen nach dem Warum haben in der Abendmahlsfeier ihren legitimen Ort. Abendmahl nährt Leib und Seele auf dem Weg, der nicht an Tod und Schrecken vorbei, um GOTTes Willen aber durch Schrecken und Tod hindurch zum Leben führt. Unter diesem Bogen steht jede Abendmahlsfeier und diesen Bogen sollte jede Abendmahlsfeier auch erkenntlich werden lassen, als Verheißung und Rückenstärkung, in gewalttätiger Zeit zur Überwindung von Gewalt beizutragen.
  2. Im Kontext des Lebens Jesu und seiner Auferweckung von den Toten[5] ist Abendmahl Zeichen der zuvorkom­menden Liebe Gottes jenseits von Leistung und Vorgabe, mit den Sinnen wahrnehmbares Zeichen der Wirklichkeit des Reiches Gottes mitten unter uns.Abendmahl ist in diesem Horizont als offene Tischgemeinschaft zu feiern, die alle einbezieht, auch die am Rand stehen und auch die, die –aus welchen Gründen auch immer- scheinbar eindeutig nicht dazugehören. Das aber beinhaltet die Einladung und die Herausforderung, sich schenken zu lassen und zu teilen, was dem Leben dient und die Hoffnung nährt über alle Vorstellungen und ohne verschlossene Türen. Voraussetzung für die Einladung ist weder moralische Integrität noch intellektuelle Potenz und auch nicht die Zugehörigkeit zur Kerngemeinde. In einer Zeit, in der für immer mehr Menschen die Scham, nicht mithalten zu können und den verinnerlichten Idealvorstellungen von Eigenständigkeit, Erfolg, Gesundheit, Flexibilität und Mobilität nicht zu entsprechen, zu einem existentiellen Problem wird, wird es umso mehr zur Herausforderung an Kirche, Abendmahl so zu feiern, dass Menschen merken, dass sie hier ein ‚Dach über der Seele’ finden, dass sie willkommen sind, dass sie eingeladen sind, ohne etwas darstellen und leisten zu müssen.
  3. „Ich habe es vom HERRN empfangen, was ich euch weitergegeben habe“ (1. Kor 11,23), sagt Paulus zur Einleitung seiner Abendmahlsüberlieferung im Brief an die Gemeinde in Korinth. Abendmahl ist nicht nach der Vorschrift der Herren zu feiern. Abendmahl ist Vor-gabe des einen HERRN, des Kyrios Jesus. Nicht dem Buchstaben ist damit in Abendmahlsverständnis und Abendmahlspraxis zu folgen, sondern dem Geist des Christus Jesus, der lebendig macht! Die entscheidende Frage schon damals in Korinth war, ob das >Herrenmahl< in Gehalt und Gestalt diesen Geist atmet. Denn Abendmahl ist Feier der Christuspräsenz mitten im Leben. Am Tisch des Kyrios, in seiner Geistesgegenwart ist Abendmahlsgemeinschaft die Gemeinschaft der Verschiedenen, die mit Paulus gesprochen ausnahmslos alle Glieder eines Leibes sind, – nicht gleichartig aber gleichwertig, gleich wichtig. Die Provokation ist deshalb bis heute, Abendmahl als Tischgemeinschaft auf einer Ebene zu feiern, ohne Oben und Unten.

Die Austeilungsform: im Kreis und untereinander das Empfangene teilen kann zum Symbol dafür werden. Die Austeilung durch eine Person, von vorne oder in der Wandelprozession verstellt diese Bedeutung eher. Auch das gemeinsame Sprechen der Einsetzungsworte nimmt nichts von dem sakramentalen Charakter, sondern kann die Bedeutsamkeit verstärken.

  1. Abendmahl ist Lebensmittel in einem tiefen und eigentlichen Sinn. Im Abendmahl bekommen wir zu schmecken und zu hören, was stärkt und zum Leben befreit, einzeln und gemeinsam, privat wie gesellschaftlich. Das Brot des Lebens und der Kelch des Heils sind GOTTes Gaben, die allen gelten und mit allen geteilt werden wollen. Abendmahl ist Lebensmittel für unterwegs auf der Suche nach dem Reich GOTTes und seiner Gerechtigkeit. Abendmahl ist Tischgemeinschaft gegen das Vergessen und alle Selbstherrlichkeit. Symbole, Inhalte und Gestaltungsformen zu wählen, die es aufgrund der Geschichte des Christus Jesus um GOTTes Willen und den Menschen zugute mit dem Leben und der Liebe halten und nicht indirekt mit Gewalt und Tod paktieren, scheint mir in Zeiten zunehmender globaler Gewalt mehr denn je gefragt.

 

Nun aber bleibt/

Glaube Hoffnung Liebe/

diese drei /

Aber die Liebe/

ist das schwächste/

Glied der Kette/

die Stelle/

an welcher/

der Teufelskreis/

bricht

Eva Zeller

 

 

 

Ute Grümbel

I

Die Autorin st promovierte evangelische Theologin und Pastorin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, gemeinsam mit einem Kollegen leitet sie das gottesdienst institut nordelbien

 

[1] Zur Weisheitsvorstellung vgl. Spr 9; zur Ruach-Vorstellung vgl. u.a. Ps 104 und neutestamentlich die Pneuma-Vorstellung bei Lukas und Paulus.

[2] Einige O-Töne sollen dies im Folgenden illustrieren.

Frauen: · „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut, – vergossen – und leider immer in Verknüpfung mit Vergebung der Sünden! Da hör ich dann für mich selbst immer ganz schnell weg, weil ich das für mich nicht miteinander verknüpfen möchte“; · „Das ist mein Leib… für euch gebrochen zur Vergebung der Sünden und all den Sachen, damit kann ich überhaupt nichts mehr und will ich auch nichts mehr anfangen. Und bei Jesu Opfer am Kreuz: Für unsere Sünden gestorben, – das ist alles überhaupt nicht mehr mein Leben!“ · „Ich hab Abwehr gegen dieses Lamm und gegen diese Opfergeschichte, weil ich ‚ne ziemliche Geschichte mit eigener Opferrolle habe“; · „Es soll kein Mensch für mich geopfert werden, das möchte ich einfach nicht, genauso wenig wie ich mich für andere opfern möchte“.

Männer: · „Dass man vielleicht auch noch Vertrauen gewinnen kann, indem man einfach immer wieder daran erinnert wird, dass nach der Bibel Jesus ja für die ganze Menschheit starb, als Opfer sozusagen, und erreichte, dass die Schuld der Menschen vergeben wurde, dass wie gesagt, sein Blut und Leib für uns gegeben wurde“; · „Ich hab auch keine Schwierigkeiten, jetzt auf mich bezogen, Erlösung für meine Person durch ein Opfer, dass ich da jetzt Schwierigkeiten hätte: Für dich musste einer sterben“ (in: U. Grümbel, Abendmahl: >>Für euch gegeben>>? Erfahrungen und Ansichten von Frauen und Männern. Anfragen an Theologie und Kirche, Stuttgart, 1997, 200ff, 241f);

Aus einer Umfrage unter Leserinnen und Lesern zum Thema Abendmahl/Eucharistie der Zeitschrift >chrismon plus. Das evangelische magazin< aus dem Jahr 2003 (05/60ff) zitiere ich aus den Zuschriften zweier Frauen: „Beim Abendmahl überfallen mich intensive Gefühle… Spätestens wenn der Wein gereicht wird, bin ich am Weinen, unterdrückt zwar und doch hemmungslos… Warum musste ein so guter Mensch so jämmerlich sterben?…Ich kann nicht annehmen, dass Jesus für meine Sünden gestorben sein soll. Ich bin hin und hergerissen. Jedenfalls bricht es mir jedes Mal fast das Herz, und deshalb gehe ich nur am Karfreitag zum Abendmahl (Elisabeth Zenner, 43); · „Wie kann man nur Blut trinken?… Würgend nah ist für mich die Verbindung, tatsächlich vom Leib eines Menschen zu essen und sein Blut zu trinken. Auch der Gedanke, dass jemand für mich sein Leben hingegeben haben sollte, bereitet mir Unbehagen, lässt Wut in mir hochkommen. Ich habe darum nicht gebeten, ich möchte daran nicht schuldig sein und werden… Deshalb bleibe ich jeder Einladung zum Abendmahl fern (Edda Braun, 60).

[3] Gerade im Zusammenhang mit Abendmahl sind vor allem Frauen sehr hellhörig dafür: • „ …durch die gesamte tragische Atmosphäre, die auch so was haben kann wie: Du kleiner, böser Mensch deinetwegen!“ • „Musste das sein, musste Jesus sterben, sind wir wirklich so schlecht, dass da ne Trennung ist, weil irgendjemand mal was falsch gemacht hat“ (a.a.O., 225).

[4] Eine Frau: „Der leibhaftige Vorgang des Essens und Trinkens ist für mich wichtig, aber nicht im Zusammenhang mit Blut trinken und Leib zu mir nehmen! Darum ist es für mich auch wichtig, diese Worte da ändern zu können, nicht so eng fixieren auf Blut! Nicht dies Körperliche. Das Personhafte oder das, was mit Beziehung zu tun hat. Aber nicht dies andere“ (a.a.O. 210).

 

[5] Vgl. die Speisungswunder, die Mahlgleichnisse und offenen Mahlgemeinschaften mit „Zöllnern und Sündern“, Pharisäern und Schriftgelehrten, mit Männern wie Frauen und die Mahlgemeinschaften des Auferstandenen mit Jüngerinnen und Jüngern, vgl. auch Jesu Ausblick auf das endgültige Kommen des Reiches GOTTes mit einer Tischgemeinschaft, die endgültig keine Grenzen mehr kennt ( Lk 13,29).