Entwicklung der Gottesdienstkultur in der Gemeinde Wesenberg/Strasen im Zusammenhang mit einer Predigtreihe mit Symbolen

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1. Ausgangssituation

 

Die Gottesdienste in St. Marien Wesenberg und den dazu gehörenden Predigtstätten wurden nach Gottesdienstbuch, im Wesentlichen nach der alten Agende I gefeiert.

Beteiligt waren neben dem Pastor lediglich ein/e Lektor/in für Epistel und Evangelium und die Gemeinde im liturgischen Wechsel mit dem Pastor und mit Gemeindegesang.

 

2. Erste Veränderungen:

 

a)

Im Gefolge der ersten Woche der Fortbildung Gottesdienst, die sich insbesondere mit dem Eingangsteil des Gottesdienstes beschäftigt hatte, wollte ich in diesem Teil die Gemeinde mehr am Geschehen beteiligen.

 

Dazu führte ich am Ostersonntag 2008 zunächst das biblische Votum ein, sodass der Gottesdienst jetzt wie folgt beginnt:

Pastor:

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn –

 

Gemeinde:

der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Einige Sonntage lang gab es damit Schwierigkeiten. Die Gemeinde „vergaß“ ihren Text immer wieder, war sich unsicher und antwortete nur leise und zögerlich. Ich habe dann aber auch die Pastoren, die mich in Abwesenheit vertraten, gebeten, das Votum bei zu behalten. Über den Sommer sind in der Gegend um Wesenberg viele Urlauber, durch die sich auch die Gottesdienstbesucherzahl zum Teil verdreifacht. Von denen waren offenbar viele mit dieser Gottesdiensteröffnung vertraut, was letztlich auch die Wesenberger Gemeinde sicher machte. Im Wesentlichen klappt das nun auch.

Ostern 2009 habe ich einen Dreischritt eingeführt und an das trinitarische und das biblische Votum den Osterruf:
Pastor:

Der Herr ist auferstanden!

 

Gemeinde:
Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

angefügt. Anfangs musste das im Gottesdienst zwei bis dreimal „geübt“ werden, bis die Gemeinde laut und vernehmlich in die Osterfreude einstimmte. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass meine eigene Osterfreude der sicherste Grund ist für das Einstimmen der Gottesdienstbesucher und war überrascht, wie fröhlich der Ruf ab Jubilate durch die Kirche schallte. Die Zeit der Verunsicherung war erheblich kürzer im Verglich zur Einführung des Votums.

 

Ab Sonntag Trinitatis werde ich den Osterruf durch den Gruß ersetzen:

 

Pastor:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Lieb Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.

 

Gemeinde:
Und mit Deinem Geist

 

Ich vermute, das wird die Gemeinde nun weit weniger verunsichern und sie wird es schnell annehmen, zumal die Trinitatiszeit viele Gelegenheiten bietet, den Gruß zu praktizieren.

 

Rückblickend ist es mir auf diese Weise gelungen, innerhalb eines Jahres trintarisches und biblisches Votum sowie den liturgischen Gruß am Anfang zu etablieren, und zwar in Korrespondenz zum Kirchenjahr. Die Gemeinde ist von Anfang des Gottesdienstes an stärker am Geschehen beteiligt und weniger Publikum meiner liturgischen Bemühungen.

 

b)

Ein weiteres Element, ebenfalls mit dem Ziel einer gesteigerten Gemeindebeteiligung ist ein Kehrvers beim Psalm.

 

Zuerst erprobte ich einen Psalm über mehrere Wochen hin. Es bot sich an, den 1. Teil des 22. Psalms in der Passionszeit zu verwenden, den 2. Teil in der Osterzeit.

Der 1. Teil, Vers 2-22, wurde durch den gemeinsamen Ruf

 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“

unterbrochen, nach den Versen 3, 9, 12, 16 und 19.

Der Ruf

 

„Rühmet den Herrn“

 

unterbrach die Verse 23 – 32 in ähnlicher Weise nach Sinneinheiten.

 

Eine zunächst etwas umständliche Einführung dieser Art des Psalmbetens erübrigte sich mit der Zeit, da die Gemeinde das Verfahren schnell verstand und annahm. Es genügt heute, den zu wiederholenden Vers anzusagen und an der entsprechenden Stelle von der Agende aufzublicken. Die Gemeinde spricht dann mit mir zusammen die angekündigten Worte.

Der von mir erhoffte Effekt einer erhöhten Aufmerksamkeit und Beteiligung ist erreicht worden. Bei Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass auch der Sinn des Psalms durch die Auswahl des Kehrverses verständlicher wurde.

 

Durch diese Erfahrung ermutigt, habe ich diese Form des Betens beibehalten und praktiziere es mit der Gemeinde immer dann, wenn keine Abendmahl oder keine Beichte im Gottesdienst gefeiert wird. Ich greife dann nicht auf die sehr verkürzte Psalmvers-Auswahl des Wochenpsalms im EGb zurück, sondern schaffe mir eine eigene, oft etwas längere, und versuche mit einem zusammenfassenden Kehrvers den Psalm dem Proprium des Sonntags näher zu bringen – was nicht in jedem Fall gelingt, da sie Wochenpsalmen nicht immer die gewünschte Verwandtschaft mit dem Proprium aufweisen. Die Häufigkeit des zu sprechenden Kehrverses richtet sich nach Sinneinheiten, nicht nach dem Parallelismus membrorum.

 

 

 

3. Liturgischer Gründonnerstag

 

Den Gedanken von mehr Gemeindebeteiligung habe ich noch einmal aufgegriffen und den Versuch unternommen, Gemeindeglieder näher an die Durchführung eines Gottesdienstes heran zu führen. Zwei Frauen aus dem Gesprächskreis waren dafür zu gewinnen, mit mir zusammen ein Tischabendmahl am Gründonnerstag 2008 zu zelebrieren. Wir verabredeten einen Termin und ich legte ihnen die Liturgie vor, die wir gemeinsam einmal lasen und anschließend besprachen: Was ist der Sinn der Worte? Dann haben wir die Dinge „durchgespielt“. Es ging darum, einen effektiven und reibungslosen Ablauf der Feier sicher zu stellen und allen Beteiligten Sicherheit im Umgang mit der Inszenierung zu geben. Dabei habe ich auf Sprache und Sprechgeschwindigkeit ebenso acht gegeben wie auf Gänge und Bewegungen innerhalb der Liturgie.

 

Die Liturgie habe ich in den Anhang gestellt. Sie lehnt sich stark an einen Vorschlag an, den ich vom Gottesdienstinstitut einmal zugeschickt bekam.

Ich habe ein Fladenbrot verwendet, um bewusst imitieren zu können, wie Jesus das Brot nahm. Ich zerriss es, um das Zerrissenwerden des Leibes in seiner Hingabe deutlich zu machen. Auch goss ich roten Wein an entsprechender Stelle aus der Kanne in den Kelch, um das Vergießen des Blutes darzustellen.

Bei anderen Abendmahlsfeiern vermeide ich ebenso bewusst ein „Nachspielen“ des Abendmahlsgeschehens und verzichte deshalb sogar auf Rotwein. Am Gründonnerstag erscheint mir der dramatische Effekt sinnvoll und angemessen.

Die Feier findet im Gemeinderaum statt und die 10 Mitfeiernden nehmen so an einem Konferenztisch-Rondell Platz, dass der Altar als Teil des Tischkreises erscheint. Zelebriert wurde versus populum, was sonst auch nicht üblich ist.

 

 

Die Feier lief gemessen und würdig ab. Dabei ist kritisch anzumerken, dass es mir in diesem Versuch lediglich gelungen ist, Gemeindeglieder zum Mitmachen anzuregen. Das Selbermachen stand nicht im Vordergrund. Mir ist bewusst geworden, dass ich sehr an einer „guten Inszenierung“ von Gottesdiensten interessiert bin. Diese setzt aber eine gewisse Professionalität, ein Verständnis von Rolle, Bewegung und Raum voraus. Das ist in der Kürze der Zeit Laien nie recht zu vermitteln und ich scheue daher davor zurück, den Laien einen Gottesdienst sozusagen zu überlassen, da ich vor allem die ästhetische Dimension der Liturgie gefährdet sehe. Ich habe schon viele Gottesdienste von Professionellen als ästhetische Katastrophen wahrgenommen, was sollen da erst Laien zu Wege bringen? Mir ist bewusst, dass diese Haltung überprüfungsbedürftig ist.

 

Den beiden Frauen hat es gut gefallen, dabei gewesen zu sein. Ihnen war die Aufregung vorher und die Entspannung nachher anzumerken, aber auch die Freude an der Sache. Sie haben sich bereit erklärt, es wieder zu tun und wir haben den Gründonnerstag 2009 in ähnlicher weise gefeiert. Ich denke, hier ist ein Grundstein gelegt.

 

 

4. Eine Predigtreihe mit Symbolen

 

 

 

4. 1. Vorüberlegungen

 

Angeregt durch die Beschäftigung mit dem Kirchenjahr ergab sich für Wesenberg eine Auffälligkeit, die es auch im gottesdienstlichen Gestalten zu berücksichtigen galt: Die Monate Juli und August führen mehr Urlauber als Einheimische in die Kirche und in den Gottesdienst.

Viele dieser Besucher sind natürlich auch in ihren Ortsgemeinden aktiv, wie mir Gespräche nach den Gottesdiensten immer wieder bestätigen. Aber es gibt unter den Gottesdienstteilnehmern auch viele, die sonst nicht am Sonntagmorgen in eine Kirche gehen.

 

Mich beschäftigte der Gedanke, wie Menschen, die eher selten in unsere Gottesdienste kommen, diese wohl erleben. Ich denke, vieles ist ihnen fremd und kommt ihnen exotisch vor. Daran sehe ich keinen prinzipiellen Makel, denn ich glaube, dass Religion immer Begegnung mit dem Fremden und Anderen ist, etwas, das nicht einfach in die Welt aufgeht. Fremdes, Anderes, auch Unaufgelöstes wird von einem Gottesdienst häufig auch erwartet, wie ich inzwischen weiß.

 

Aber ich kann als Liturg und Prediger bei der Urlauber-Klientel nicht mit dem Effekt der Serie umgehen. Ein Vorwissen um Personen und Zusammenhänge kann nicht vorausgesetzt werden. Andererseits kann in einem Gottesdienst nicht alles erklärt und in einer Predigt nicht auf alle Aspekte des Evangeliums eingegangen werden.

 

Wie kann unter diesen Umständen der Gottesdienst zum Erlebnis werden für Menschen, die im Urlaub einmal die Gelegenheit wahr nehmen und die Muse haben, einen zu besuchen, ohne dass diese überfordert werden, aber dennoch Wesentliches für ihr Leben erfahren?

Am ehesten, so die These, durch den Gebrauch von Symbolen und die Ausrichtung des Gottesdienstes auf ein Thema, einen Gedanken. Dieser muss so elementar sein, dass er für Menschen in vielfältigen Lebenssituationen nach- und miterlebbar ist. Symbol und Gedanke müssten die „Tonart“ des gesamten Gottesdienstes bestimmen.

 

Die Proprien unserer Sonntage lassen hier zu wünschen übrig. Häufig sind die Texte und Wochenlieder so uneinheitlich in ihrem Grundton, dass sie sich wohl gegenseitig interpretieren und erweitern, aber damit meinem Anliege nicht immer entsprechen, dass auf Konzentration und Elementarisierung aus ist.

 

Um den Eindruck des Gottesdienstes noch etwas zu erhalten, dachte ich daran, den Besuchern je noch etwas mit auf den Weg zu geben. Sie würden es betrachten, wenn sie es bekommen, wenn sie es in ihren Koffer leben bei der Abreise oder/und wenn sie es später wegwerfen und sich jeweils an das Erlebnis erinnern, so meine Hoffnung.

 

 

4. 2. Methodisches Vorgehen

 

Zunächst habe ich mir vorgenommen, acht Gottesdienste nach Maßgabe der oben ausgeführten Überlegungen zu gestalten. Das entspricht der Länge der Urlaubssaison von Juli bis August in der und um die Stadt Wesenberg.

 

Ursprünglich war daran gedacht, immer vom Predigttext des jeweiligen Sonntags auszugehen. Aber hier kam ich schnell an die Grenzen meiner Kreativität. Außerdem kostete es mich einige Überwindung, in ein bestehendes Proprium einzugreifen. Und es fehlte mir an Übung in dieser Art Gottesdienst zu verstehen und zu gestalten.

 

Hilfreich war es, auf Vorlagen zurück zu greifen. Ich ließ mich anregen beispielsweise von Stephan Goldschmidt und Gerhard Engelsberger.

 

Mit zunehmender Sicherheit im Umgang mit meiner Idee kam ich meinem Ideal dann auch immer näher, was die „Tonart“ des Gottesdienstes angeht. Formulierungen und Stichworte wurden zunehmend öfter von der Predigt aus in andere Teile des Gottesdienstes transferiert, fanden Platz in der Begrüßung, im Kollektengebet, in den Fürbitten.

 

 

4. 3. Beispiele

 

4. 3. 1 Die Anfänge

 

Der 8. Sonntag nach Trinitatis war der erste in dieser Reihe. Er hatte im Proprium (Epistel: Lebt als Kinder des Lichtes; Evangelium: Ihr seid das Licht der Welt) klar das Symbol des Lichtes und daher brauchte an dieser Stelle nichts ergänzt oder geändert werden. Das war als Einstieg gut und hilfreich.

 

In der Predigt über Rö 6:

 

Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben…

 

konstruierte ich einen Gegensatz zwischen der Dunkelheit der Sucht und dem Licht des Lebens. Ich ließ die Scham des Säufers aus dem „Kleinen Prinzen“ und ihre ständige Reproduktion zum Symbol für allerhand Scham in einer Schnapsflasche zusammenlaufen und stellte eine solche auf die Kanzel: Sucht als Beispiel eines Lebens ohne Perspektive. Dagegen ist ein Leben auf Christus zu ein Leben, das einem Licht folgt. Der Gedanke wurde illustriert durch das Entzünden einer Kerze auf der Kanzel als Alternative zur Flasche.

 

Am Ausgang des Gottesdienstes erhielten die Besucher eine kleine Gebetsopferkerze in die Hand.

 

Zu Beginn der Reihe und dann auch noch, wenn die Zeit für die Gottesdienstvorbereitung auf Grund anderer Angelegenheiten zu knapp ausfiel für umfassendere Überlegungen, habe ich lediglich bei der Predigt ein Symbol verwendet, mich sonst aber überwiegend an das Proprium gehalten. Beispielsweise bot sich die Geschichte von David und Bathseba und Nathans Reflexion darauf (Predigttext vom 11. Sonntag nach Trinitatis) dazu an, einen Spiegel mit auf die Kanzel zu nehmen. Der Meinige hatte die Abmaße 60cm x 70cm und machte den erhofften Eindruck.

 

Im Sinne des Gedankens, das der Vorgehaltene Spiegel zu Selbsterkenntnis beitragen kann, tauschte ich den vorgegebenen Psalm 113 gegen Worte aus Psalm 119 und ließ einen Kehrvers (hier fett gedruckt) sprechen (jeweils bei *):

 

Du tust Gutes deinem Knecht, HERR, nach deinem Wort.

Lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis; denn ich glaube deinen Geboten.*

 

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.

Du bist gütig und freundlich, lehre mich deine Weisungen.*

 

Die Stolzen erdichten Lügen über mich, ich aber halte von ganzem Herzen deine Befehle.

Ihr Herz ist völlig verstockt; ich aber habe Freude an deinem Gesetz.*

 

Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast, damit ich deine Gebote lerne.

Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber als viel tausend Stück Gold und Silber.*

 

 

4. 3. 2 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis

 

Meine Assoziation für 12. Sonntag nach Trinitatis 2008 ging vom Wochenspruch aus: „… und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ – brennen lassen – leuchten lassen – Licht – sehen – erkennen – hinter die Dinge kommen – weiter sehen – Prophet sein im Gegensatz zu blind sein – „Nur mit dem Herzen sieht man gut“ und dazu fand ich bei Goldschmidt (Gottesdienste, S. 93) Anregungen zu Gebeten und Predigt.

 

Zur ersten Lesung nahm ich den AT-Text des Sonntags (Jes. 29, 17-24) und als Evangelium die Seligpreisungen.

 

Hier mitteilen möchte ich die Predigt in Auszügen (im Anhang), die den Versuch unternimmt, beide Texte zum Leitgedanken: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ in Beziehung zu setzen; und das Symbol, dass ich als Overhaedprojektion während der Predigt auf die Wand neben dem Altar gut sichtbar erscheinen ließ und das im weiteren Verlauf des Gottesdienstes zu sehen blieb:

 

unbekannt7

 

Die Besucher bekamen am Ausgang eine Karikatur ausgehändigt, die eine Spinne zeigt, die sich im Spiegel betrachtet und sich vor sich selbst ekelt. Die Karikatur war mir zufällig in die Hände geraten. Leider habe ich sie nicht wieder gefunden, als ich diese Dokumentation erstellte.

 

4. 3. 3 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis

 

Für den 13. Sonntag nach Trinitatis habe ich mich ganz vom Proprium gelöst und bin einer Idee nachgegangen, die durch Engelberger (Gottesdienst, S. 32) angeregt wurde. Der Leitgedanke war „Danke und lass das Sorgen!“ und durchzeiht ziemlich konsequent den ganzen Gottesdienst.

 

Es beginnt mit der Einführung in den Gottesdienst nach der Begrüßung (in anderen Gottesdiensten wird hier der Wochenspruch genannt und an ihm in das Thema des Gottesdienstes eingeführt):

 

Im ersten Buch der Chronik heißt es:

An jedem Morgen sollen sie stehen, den Herrn zu loben und ihm zu danken und ebenso an jedem Abend.

Auch in der Epistellesung dieses Gottesdienstes werden wir zum Dank aufgerufen.

Denn Dank ist das beste Mittel gegen Sorge. Die Sorgen zu lassen, davon spricht Jesus im heutigen Evangelium.

Die Predigt möchte diesen Gedanken vertiefen.

 

Als Psalm nahm ich den 136. und ließ den dort vorhandenen Kehrvers „denn seine Güte wäret ewiglich“ von der Gemeinde sprechen – das hatte Mantra-Qualität. Ich hatte bedenken wegen der Länge, aber es hat sich niemand beschwert.

 

Der Anrufungsteil war wie folgt gestaltet:

 

Gebet zum Kyrie:

Treuer Gott,

gestern habe ich vergessen, zu danken,

vorgestern habe ich vergessen, zu danken.

Mich plagt kein schlechtes Gewissen.

Ich spüre die Leere:

Alles geht so, wie es geht,

ohne Unterbrechung,

ohne Dank,

ohne Freude,

ohne Gott.

Herr, erbarme dich!

 

Kyrie im Wechselgesang mit der Gemeinde, dann:

 

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.

 

Gloria mit der Gemeinde.

 

Tagesgebet (gesungen):

Allmächtiger Gott und Vater:

Du hast die Welt geschaffen und die Menschen,

dass sie Dich dafür loben /

Wir bitten dich –

Stärke in unseren Herzen den Dank für alle Deine Güte:

damit wir nicht in unseren Sorgen vergehen/

sondern sicheren Grund zum Leben haben.

Durch Christus, unsern Herrn.

Amen

 

Die Lesungen waren Kol. 3, 15-17 mit Hallelujavers: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich – und Jesu Worte wider das Sorgen in Math. 6.

 

In der Predigt wurden die Sorgen durch einen Luftballon dargestellt. Der wurde bei einer Aufzählung von allerhand Sorgen immer weiter aufgeblasen. Das Aufblasen symbolisierte den Raum, den Sorgen zunehmend einnehmen, wenn man kein Gegengewicht zu ihnen hat.

Dieses Gegengewicht wurde von mir durch einen Ziegelstein vor Augen gestellt, auf dem gebaut werden kann, ein fester Grund, der aus Dankbarkeit als Lebenshaltung besteht. Aus dem Luftballon wurde im Fortgang der Predigt immer wieder Luft entlassen, indem besprochen wurde, wie Dankbarkeit die Sorgen kleiner werden lässt. Am Ende lag dann nur noch der Ziegelstein auf der Kanzel, darauf der weitgehend erschlaffte Luftballon – Sorgen verschwinden ja nicht, sie bekommen im Zusammenhang mit Dankbarkeit nur die ihnen real zukommende Dimension.

 

Unbenannt

 

Die Fürbitten nahmen mit den wiederkehrenden Worten:

In Deiner Güte, Gott, mach uns dankbar

den Gedanken des Dankens auch hier wieder auf.

Am Ausgang erhielten die Teilnehmer ein Stück Ziegelstein von mir in die Hand.

 

Unbenannt8

4. 3. 4. Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis.

 

Als ein letztes Beispiel sei hier der letzte Sonntag in der Ferienzeit angeführt. Ich habe mich von dem Gedanken leiten lassen, dass viele der Urlauber sicher schon das Ende ihrer Ferien im Blick haben, die Urlaubszeit überhaupt bald vorüber ist und das Thema Arbeit viele Herzen bewegt.

Das Symbol war diesmal ein kleiner „Arbeits-Altar“ im Altarraum der Kirche. Auf ihm waren Gegenstände versammelt, die Assoziationen zum Umfeld von Berufsarbeit wecken sollten.

 

Unbenannt9

 

Die Abbildung zeigt den vollständigen „Altar“. Zunächst ist das Kruzifix nicht da. Es wird nach der Predigt von der Kanzel her mitgebracht und dazu gestellt, um den Gedanken der Predigt noch einmal augenfällig zu machen.

 

Als Lesungen boten sich an die Erzählung vom Garten Eden Gen 2 und die Erzählung von Jesus Besuch bei Maria und Martha aus Lu 10.

 

Die Predigt geht aus von der Erfahrung der Arbeit als entfremdetes Tätigsein und dem daraus resultierenden Überdruss an ihr, der eine ungesunde Vorstellung vom Paradies nährt. Aber nicht der Mensch muss von der Arbeit erlöst werden, sondern die Arbeit von ihrer Pervertierung. Diese wurde dargestellt durch eine schwere Eisenkette (bemerkenswerter weise wurde mir diese nach dem Gottesdienst vom Fahrradständer – wo sie immer hing – gestohlen), mit der ich bei den entsprechenden Partien der Predigt hantierte. Ihr Gegenüber war das Kruzifix, das ich an geeigneter Stelle der Predigt auf die Kanzel stellte. Am Schluss der Predigt ließ ich die Kette lautstark von der Kanzel fallen. Um den Effekt noch zu verstärken, hatte ich ein Brett so gelegt, dass die Kette darauf fiel und einiges Getöse dabei machte. Das Kruzifix nahm ich von der Kanzel mit und stellte es auf den „Arbeits-Altar“.

 

Mitteilen möchte ich hier die Predigt (s. Anhang 3).

 

5. Fazit

 

Die Fortbildung Gottesdienst hat mich ermutigt, in die Gottesdienstkultur meiner Gemeinde gestaltend einzugreifen. Durch die nun vermehrte Beteilung der Gemeinde am gottesdienstlichen Geschehen ist diese lebendiger geworden. Eine Umfrage unter Gottesdienstteilnehmern ergab, dass der Psalm mit Kehrvers als echte Bereicherung erlebt wird.

 

Trotz der Arbeit mit Symbolen hat der Gottesdienst nichts von seiner Würde verloren. Den Seh- und Erlebnisgewohnheiten moderner Menschen entgegen zu kommen, muss nicht im christlichen Entertainment enden. Ich habe einen Weg gefunden, den von mir hoch geschätzten agendarischen Gottesdienst mit Elementen zu bereichern, die ihn sinnenfälliger machen und der durch seine angestrebte Konzentration auf ein Thema, einen Gedanken dennoch an Klarheit nichts einbüßt.

Die Reaktionen der Wesenberger Gemeinde waren im Ganzen gesehen eher verhalten, was aber mehr am tief verwurzelten mecklenburgischen Grundsatz liegt, dass das, was der Pastor macht, schon richtig sein wird und „wenn wir nicht tadeln, ist das Lob genug“ – ich übertreibe natürlich. Es waren mehr die Urlauber, die sich immer wieder positiv zu den Gestaltungen äußerten, sich immer wieder „für den schönen Gottesdienst“ bedankten.

 

Eine treu den Gottesdienst besuchende Wesenbergerin fragte mich am Ausgang einmal, ob, wenn das Thema Sanftmut dran wäre, ich dann ein Kaninchen aus einem Hut auf die Kanzel zaubern würde. Ich hatte diese Frage zunächst als positive Reaktion aufgefasst, aber sie war, wie sich herausstellte, eine kritische. Es gilt also auch im Auge zu behalten, dass es Gottesdiensteilnehmer gibt, denen das sinnliche Erlebnisangebot in der Häufung einer ganzen Reihe auch auf die Nerven gehen kann.

 

Eine signifikante Steigerung in der Zahl einheimischer Gottesdienstbesucher hat es nicht gegeben. Ich vermute, dass an dieser Stelle eine lange Zeit gearbeitet werden muss. Nach meiner Beobachtung wurde der Gottesdienst in Wesenberg über viele Jahre als eine Veranstaltung mit und für alte Leute betrachtet und entsprechend gestaltet. Ich hoffe, dass durch meine Arbeit dazu beigetragen werden kann, die Tradition des Gottesdienstes in eine jüngere Generation zu retten.

 

Im Ganzen gesehen halte ich den hier beschriebenen Weg für einen in die richtige Richtung. Die Erfahrungen mit dieser Reihe haben sich auch auf andere Gottesdienste ausgewirkt, die hier nicht beschrieben wurden, besonders Taufen und Trauungen. Ich werde diesen Ansatz weiter verfolgen und für den Sommer 2009 eine ähnliche Reihe versuchen und ihre Idee konsequent weiter entwickeln.

 

Es wird letztlich eine Frage der für die Gottesdienstvorbereitung zur Verfügung stehenden Zeit sein, ob ein nachhaltiger Qualitätsgewinn von mir hergestellt und gesichert werden kann.

 

Kritisch angemerkt werden muss auch, dass die Vorbereitungen sich immer nur auf die Besucher der Gottesdienste in der St. Marien Kirche Wesenberg beziehen. Die Gottesdienste mit 2 bis 5 Teilnehmern auf den Dörfern schienen mir mit diesen Inszenierungen eher überfrachtet als bereichert. Im Grunde müsste hier jeder Gottesdienst noch einmal angepasst werden, dazu fehlt aber in der Regel die Zeit.

 

 

6. Literatur

 

Engelsberger, Gerhard, Gottesdienst – alltäglich, Gütersloh 2004.

Goldschmidt, Stephan, Gottesdienst mit Symbolen, Göttingen 2006, 2. Auflage.

Ders., Gottesdienst mit Symbolen II, Göttingen 2007.

7. Anhänge

 

Anhang 1

Gründonnerstagsliturgie

Pastor:

Gründonnerstag

GOTT lässt bitten!

Wir sind eingeladen zur Mahlfeier

im Namen GOTTES –

Quelle unsres Lebens,

Grund unserer Hoffnung,

Kraft, die uns belebt –

im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. AMEN

 

Lied: „Kommt her, ihr seid geladen“213, 1

 

L1 (Begrüßung)

Willkommen zur Mahlfeier am Gründonnerstag. Jesus Christus schenkt uns Anteil an seinem Leben. An seinem Tisch bekommen wir zu hören und zu schmecken, was hoffen lässt – auch angesichts des Todes und über den Tod hinaus. Wir sind gemeint! ( Pause) Lasst uns in der Stille Gott hinhalten, was wir aus unserem Alltag heute mitbringen – das Schöne und das Schwere.

 

Stille

L 2 (Gebet)

GOTT, da sind wir,

Danke, dass Du uns einlädst an den Tisch Jesu Christi,

in die Gemeinschaft mit Dir und untereinander.

Nähre uns und heile uns.

AMEN

 

Lied: 213, 2

 

(Psalm-Collage: Psalm 34,5ff und Gedicht von R.M. Rilke)

 

L1        Als ich GOTT suchte, antwortete GOTT mir

und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf GOTT sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

L2        (Pause)            Gast sein einmal.

Nicht immer seine Wünsche bewirten

mit kärglicher Kost.

L1        (Pause) Als ein Mensch im Elend rief, hörte GOTT

und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel GOTTES lagert sich um die her,

die GOTT fürchten, und hilft ihnen heraus.

L2        (Pause) Nicht immer feindlich nach allem fassen;

Einmal sich alles geschehen lassen und wissen:

Was geschieht ist gut.

L1        (Pause)Schmecket und sehet, wie freundlich GOTT ist. Glücklich der Mensch, der auf GOTT traut.

 

 

Lied: 213, 3

 

(Worte zum Tag)

L2:       Wir hören Worte aus dem Propheten Hesékiel (Ez 2,8-3,3)

 

Pastor: (singt)

Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte

und ein Licht auf meinem Wege.

Dein Wort ist nichts denn Wahrheit

und ein Licht auf meinem Wege.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne

und dem Heiligen Geiste.

Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte

und ein Licht auf meinem Wege.

 

 

L1        Wir hören Worte aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther (1.Kor 11,23-26)

 

Pastor: (singt)

Herr, Dein Wort ist meines Fußes Leuchte …

 

Pastor: Wir feiern das Mahl, das Jesus mit seinen Freunden hielt, bevor er starb.

 

L2        GOTT, wir singen Dein Lob.

Du hast die Welt erschaffen.

Du schenkst uns das Brot,

Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit;

Lass uns das Brot zum Brot des Lebens werden.

 

L1        (Pause) GOTT, wir singen Dein Lob.

Du hast die Welt erschaffen.

Du schenkst uns die Trauben,

Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit;

Lass uns den Kelch zum Kelch des Heils werden.

 

Pastor: Wie die Körner und die Trauben,

einst verstreut auf den Feldern und in den Bergen,

jetzt vereint sind in Brot und Kelch,

so lass alle, die Dich suchen,

versammelt werden von den Enden der Erde in Deinem Reich.

 

Lied: „Das sollt ihr, Jesu Jünger, nicht vergessen“221, 1-3

 

(Präfationsgebet)

 

Pastor: Gut ist es und heilsam, Dich GOTT, zu loben und

Dir zu danken:

Durch Dein lebendiges Wort hast Du alles geschaffen und für gut befunden.

Du hast uns Menschen nach Deinem Bild geschaffen,

dass wir an Deinem Leben teilhaben und Deinen Glanz widerspiegeln.

Du hast Dein Volk Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt,

und bleibst mit ihm auf dem Weg.

 

L2     Als die Zeit erfüllt war,

hast Du uns aufgesucht in Jesus von Nazareth, Marias Sohn.

Sein Leben, seine Passion und seine Auferstehung

sind uns Weg, Wahrheit und Leben.

 

L1    Mit Deinem Lebensatem und Deiner Geisteskraft

erfüllst Du alle Welt und gibst der Liebe Raum – über den Tod hinaus.

 

 

(Epiklese)

 

Pastor: Komm, Geistkraft GOTTES,

schenk uns Anteil an dem Leben,

das in Christus Jesus erschienen ist,

wenn wir in seinem Namen das Brot des Lebens teilen und aus dem Kelch des Heils trinken.

 

Pastor: (Einsetzungsworte)

Unser Herr Jesus Chrisus, in der Nacht, als der verragen ward …

 

Pastor: Geheimnis des Glaubens

 

alle      Dein Leben und Deinen Tod, Jesus Christus,

verkünden wir

und deine Auferstehung preisen wir,

bis Du kommst in Herrlichkeit.

           

 

L2        Als Töchter und Söhne Gottes,

lasst uns zu GOTT beten mit den Worten,

die uns Jesus Christus geschenkt hat:

 

alle       Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

(S1 nimmt das Brot, S2 den Kelch in die Hand und wenden sich der Gemeinde zu:)

Pastor: Nun schmeckt und seht, wie freundlich GOTT ist.

Lasst uns das Brot des Lebens teilen und aus dem Kelch des Heils trinken.

 

Brot und Wein gehen unter den Spendeworten: Brot des Leben, Christus für dich; Kelch des Heils, Christus für dich – herum.

 

Lied: 213, 4

 

Pastor: Tischrede

 

 

Lied: 213, 5

 

Pastor: O Gott, der du alles geschaffen hast:

 

L1        Wann wird es so weit sein,

dass wir es sehr gut nennen wie du?

Wann werden wir sichtbar?

Wann wird die Wahrheit erscheinen?

 

Pastor: Im Mahl Deines Sohnes hast Du einen

Vorgeschmack gegeben.

Wir haben es gut mit Dir und haben es gut untereinander.

So wird heute schon sichtbar und spürbar, was wahr ist und bliebt.

 

L2        Wann wird man an unseren Gärten und Feldern sehen:

Hier wohnen die sanften Kinder der Erde,

die das Vergewaltigen nicht gelernt haben

und das Plündern verlernten.

Hier wohnen kleine Menschen,

die die Türme nicht in den Himmel bauen

und die Tiere nicht zu Tode testen.

 

Pastor: Im Mahl Deines Sohnes hast Du einen

Vorgeschmack gegeben.

Du meinst es gut mit uns und wir können es gut meinen mit allen anderen.

So wird heute schon sichtbar, was Frieden schafft und Frieden erhält.

 

 

L1        Gott, Freund der Menschen, Freund der Erde,

komm bald, eile,

mache dich sichtbar und vollende uns mit dir:

Töchter und Söhne in deinem Reich.

 

Pastor: Geht nun hin im Namen des fürsorglichen Gottes,

der unsere Hoffnung nährt im Schatten des Todes.

Geht nun hin in der Kraft Gottes, und lasst Felder und Gärten erblühen.

Geht hin im Frieden des Herrn, und lasst Euer Licht sichtbar werden.

Es segne Euch der lebendige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

 

Lied: 213, 6

 

Abkündigungen.

 

 

Anhang 2

Predigtauszüge „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

 

Liebe Gemeinde,

Ich bin ein Zauberer.

Ich staune manchmal selbst darüber,

aber ich kann tatsächlich zaubern:

mit meinen Augen.

Wie ich die Welt um mich her ansehe, so wird sie.

Sehe ich sie an mit den Augen eines Gelangweilten, dann kann ich weit und breit keine Überraschungen erblicken.

Sehe ich die Welt an mit den Augen eines Ängstlichen, dann ist sie voller Gefahren und böser Menschen.

Sehe ich die Welt an mit den Augen eines Neidischen, dann sehe ich um mich her nur Betrüger und Raffgierige.

Ja, ich bin ein Zauberer.

Die Welt, die ich sehe, ist immer so, wie ich selbst bin.

 

Leider bin ich dem Zauberlehrling bei Goethe ziemlich ähnlich, denn ich beherrsche die Zauberkunst nur so halb.

Meine Augen spielen mir oft genug einen Streich.

Sie täuschen mich und ich sehe das Wesentliche nicht.

Dann muss ich ein anders Organ zu Hilfe nehmen: Mein Herz. (Projektor an: Bild von einem Auge mit Herz als Pupille)

 

Mit seiner Hilfe kann ich sehn wie ein Liebender.

Dann wird, was ich ansehe, schön und liebenswert.

Mit seiner Hilfe kann ich sehen wie ein Kind.

Dann wird alles wunderbar.

Mit seiner Hilfe kann ich sehen wie meine 14järigen Tochter.

Dann ist da so vieles, auf dass ich neugierig bin und die Welt ist voller Möglichkeiten.

Mit dem Herzen sehen, das ist wirklich zauberhaft.

 

Das ist wie bei dem alten Fischer, von dem ich mal gehört habe:

frei erzählt…

 

Der blinde Fischer sieht ohne Augen besser als die mit Augen.

Nicht, dass er nicht bemerkt, wie es in seiner Hütte reinregnet.

Nicht, dass er nicht wüsste, dass es Krieg in der Welt gibt.

Aber er sieht weiter.

Er verzaubert die Welt, in dem er sie anblickt mit einem Herz voller Hoffnung.

Der alte blinde Fischer sieht mit seinem Herzen das, was möglich ist.

 

Das ist wie bei dem Propheten Jesaja, den wir gerade in der ersten Lesung hörten.

Er sieht auch, wie die Welt ist.

Aber er behaftet sie nicht dabei.

Natürlich könnte er vom Libanon-Gebirge reden, wie es die Augen sehen: karg und wüst.

Natürlich könnte er das Elend der Armen wie ein Reporter detailliert vorführen.

Aber er sieht weiter.

Er nimmt sein Herz zu Hilfe.

Und dann sieht er, dass der Libanon bald zum fruchtbaren Land wird.

Und er sieht, wie in der Wüste Bäume wachsen.

Dann werden die Gehörlosen wieder hören und die Augen der Blinden werden aufgetan.

Schon jetzt kann er die Freude bei den Armen und Elenden sehen.

Die Tyrannen werden keine Macht mehr haben.

Lügner und Verleumder werden ohne Erfolg dastehen.

 

Nun ja, aber was ist schon ein Prophet?

Ein Träumer!

Vom Träumen wird die Welt aber nicht besser.

Nein, schauen wir doch hin, schauen wir doch mal die Realität an:
Lebensmittel werden teurer.

Benzin wird teuer.

Die Konjunktur schwächt sich ab.

Die Jugend wird immer dümmer und frecher.

Die Gewalttaten werden immer brutaler.

Immer öfter werden unsere Soldaten Opfer von Terroranschlägen.

Der Sport versinkt im Dopingsumpf.

Die Politiker werden immer korrupter.

 

Es wird doch immer alles nur noch schlimmer!

Wer mit diesen Augen in die Welt blickt, wird sie natürlich auch genau so vorfinden.

Vieles geschieht, was seinen Blick bestätigen.

Dieser Blick nagelt die Welt fest und nennt das dann „Realität“.

 

Aber einem solchen Blick fehlt das Entscheidende:

Ihm fehlt die Hilfe durch ein Herz voll Liebe, Vertrauen und Hoffnung.

Ihm ist der Blick verstellt für die Möglichkeiten, die da schlummern in dem, was er Realität nennt.

Jesus ( …in den Seligpreisungen…) sah in den Armen und Traurigen auch schon die Beschenkten und Fröhlichen.

Es gab zu seiner Zeit genug Menschen wie unseren blinden Fischer, der mehr sehen konnte als die Sehenden.

Sie sahen in Jesus den Messias.

Das war nicht selbstverständlich.

Denn mit nüchternen Augen gesehen entsprach Jesus keines Falls dem, was man sich so unter einem Messias vorstellte.

Augen ohne Glauben sehen in Jesus nur einen Menschen mit interessanten Ansichten und einer ziemlich radikalen Vorstellung und Richtig und Falsch.

Gläubige Augen sehen weiter:

Sie sehen den göttlichen Ursprung Jesu.

 

Der blinde Fischer konnte besser sehen als die Sehenden.

Er sah die Welt an mit einem Herz voller Glauben und Hoffnung.

Er verzauberte sie und sah Schönheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Wer die Welt so sieht, der hilft ihr, sich zu verändern.

Wer eine Vision von der Zukunft hat, löst die Welt aus ihrer Erstarrung und bringt sie in Bewegung.

 

Wir hier im Osten haben das erlebt.

Es gab genug Menschen, die eine Zukunft ohne SED und Stasi sehen konnten.

Ihr Blick sah weiter, über Kargheit und Wüsten hinaus.

Zwar haben sich dann andere die blühenden Landschaften anders vorgestellt als das, was dann kam.

Aber wir fahren heute ganz bestimmt die besseren Autos auf besseren Straßen und wohnen in schöneren Häusern.

Und nur, wer die blühenden Landschaften im Herzen behält, kann auch die Kargheit und Wüsten von heuten mit seinen Träumen bewässern helfen.

Diese Träume haben gestalterische Kraft.

Denn der Blick, der das karge Land fruchtbar werden sieht, der sieht, wie aus Wüsten Wälder werden, der Blinden zutraut zu sehen und Lahmen zu gehen, der kann manche Veränderung in Gang setzen.

 

Liebe Gemeinde,

ich kann zaubern.

Und Sie können das auch.

Es kommt auf die Beschaffenheit unserer Augen an, wie die Welt für uns ist.

Das Herz hilft ihnen, das Wesentliche zu sehen.

Ich möchte mein Herz erfüllen mit der Vision des Propheten Jesaja, der eine Welt voll Frieden und Gerechtigkeit sah.

Ich möchte mein Herz erfüllen mit der Liebe Jesu, der in den Armen und Traurigen schon die Beschenkten und Fröhlichen sah.

 

Ich möchte wie der Fischer mein Herz füllen mit Hoffnung und Freude, denn so sieht er mehr als mit bloßem Auge zu erkennen ist.

Und ich lade Sie in, es mir gleich zu tun.

 

 

Anahang 3

Predigt „Arbeit am Paradies“

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

die Ferien gehen zu Ende.

Das merken wir hier in Wesenberg sehr deutlich.

Die Besucher werden weniger, die Straßen wieder stiller.

 

Die Menschen, die bei uns und anderswo ihren Urlaub verbracht haben, gehen nun wieder an ihre Arbeit.

Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die diesen Augenblick so lange wie möglich hinauszögern.

Jeder Tag, jede Stunde, die nicht gearbeitet werden muss, soll purer Genuss sein.

In die Tretmühle, in die Firma, an den Schreibtisch kommt noch früh genug.

 

Arbeit schient bei vielen Menschen eher so was wie Frondienst zu sein. (Kette auf die Kanzel legen)

Vergleichbar mit Israels Sklavendienst in Ägypten.

Man empfindet sich als Gefangene und möchte nur eins: Frei sein.

 

Nicht arbeiten zu müssen, Urlaub auf Dauer, Ferien non Stopp, Party ohne Ende:

vom Burgfest zur Strandparty, dann zum Fischerfest, einen Abend Kino, einen Abend Musical, einen Abend Orgelkonzert,

danach drei Wochen Spanien, einen Ausflug nach Venedig, dann eine Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde,

und das Geld riecht immer noch für zwei, drei Angestellte, die Haus und Garten versorgen.

So muss das Paradies sein.

 

Ja, so sieht das Paradies von Sklaven und Frohnarbeitern aus.

Im Paradies wird selbstverständlich nicht gearbeitet.

Allerhöchstens lässt man für sich arbeiten.

 

Aber können Sie sich das vorstellen:

Nichts tun, nur Genuss an Genuss reihen?

Eine Zeitlang mag das ja gehen, aber immer?

 

Wenn ich nicht arbeite, also nichts tue, womit ich mein Geld verdiene,

wenn ich dann von dieser Arbeit ausgeruht bin, dann treibt es mich bald in den Pfarrgarten.

Er hat es oft genug auch bitter nötig, dass ich mich zusammen mit meiner Frau um ihn kümmere.

Aber ich mache das auch gern.

Es ist spontanes, freies Tun.

Meine Pflicht, den Garten in Ordnung zu halten, und mein Bedürfnis danach, mich in seiner Gestaltung auch auszudrücken, tätig zu sein, fallen in solchen Momenten zusammen.

 

Jeder, der ein Hobby hat, wird ähnliches erleben.

Es muss gepflegt werden, sonst verkommt es einfach.

Aber wir tun es gern und freiwillig.

 

So hatte Gott sich das mit der Arbeit eigentlich gedacht.

In der Bibel wird Paradies mit Arbeiten zusammen gebracht.

Aber hier wird Arbeit auch nicht als Sklavendienst und Fron angesehen.

Es ist eher Mitarbeit an Gottes Schöpfung.

Menschen sind freie Mitarbeiter Gottes.

 

Durch Arbeit werden Menschen gottähnlich.

Denn Gott ist zu allererst Schöpfer der Welt, also ein Gott, der etwas tut, der arbeitet.

Sein freies spontanes Tun hat auch uns hervor gebracht.

Als Ebenbilder Gottes sind gleichen Wesens mit Gott, mit dem gleichen Impuls zum Tun ausgestattet.

 

Darum ist auch Arbeitslosigkeit für viele so schwer erträglich.

Arbeitslosigkeit widerspricht unserem göttlichen Auftrage, zu bauen und zu bewahren.

 

Wo diese Mitarbeit verweigert wird, da entsteht das Gefühl:

Ich werde nicht gebraucht, ich bin nur ein störender Kostenfaktor.

Das ist das eigentliche Kreuz mit der Arbeitslosigkeit.

(Kruzifix auf die Kanzel stellen)

Sie verneint den Menschen in seinem göttlichen Wesen:

Wie ein Mensch durch Arbeit Gott ähnlich wird, so wird er durch Arbeitslosigkeit dem Gekreuzigten ähnlich.

Denn das Kreuz ist ein Symbol für das vielfache Nein, das Menschen hören.

Arbeitslosigkeit ist eins dieser vielen Neins:

 

Zunächst die Kündigung:

„… Aus innerbetrieblichen Gründen sehen wir uns leider gezwungen …“

Für viele ein riesiges Nein.

 

Dann die Absagen auf viele, viele Bewerbungen:

„ … teilen wir ihnen mit, dass wir uns für jemand anders entscheiden haben …“

Wieder Nein.

 

Auf dem Amt:

„… tut uns leid, aber so sind nun mal die Vorschriften …“

Und wieder: Nein.

 

Die Freunde oder gar der Partner:
„… ich verstehe gar nicht, andere finden doch auch wieder was …“

 

Politiker:

„… Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit ist unser dringendstes Anliegen, blablabla, bedauerlicher Weise einschneidende Sparmaßnahmen blablabla müssen wir die Unterstützung besser vor Missbrauch schützen und kürzen darum usw. usw.“

 

Der überwiegende Teil der Bevölkerung beobachtet derweil die Börsenkurse, die immer steigen, wenn Leute entlassen werden.

 

Jesus wollten sie damals auch nicht.

Auch ihn konnten sie nicht gebrauchen, auch er störte nur.

Sein Kreuz – das große Nein.

Keine Hoffnung?

 

 

Ich denke doch.

Nämlich aus der Art, wie der Mann am Kreuz mit dem Nein der Menschen umgegangen ist.

Er flieht nicht vor dem Nein.

Flucht hier wäre eine Flucht ohne Ende, Flucht in Resignation, Flucht in den Alkohol oder sonst was.

 

Statt zu fliehen können wir uns dem Nein stellen,und zwar im Vertrauen auf das große Ja Gottes zum Menschen.

im Vertrauen auf Sein unbedingtes, bedingungsloses Ja.

Gottes Ja trägt all die menschlichen Neins in sich und hebt sie auf.

 

Das Kreuz sagt mir:

Es gibt ein Ja zum Nein der Arbeitslosigkeit.

Und ich meine damit eben gerade nicht, sich abzufinden mit einem lebensfeindlichen, menschenverachtenden Schicksal.

Ich meine eine Haltung, die sagt:

Ja, sie berauchen mich jetzt nicht.

Ja, ich störe sie grade nur.

Aber ich bin offen für den Tag, an dem sie sagen:
Komm, wir brauchen Dich, gerade dich brauchen wir.

Für diesen Tag halte ich mich bereit.

Für diesen Tag halte ich mich fit,

halte ich Ordnung in meinem Leben.

und sage – im Chor mit Gott – Ja zu mir selbst.

 

Über 13% Arbeitslose hat Mecklenburg/Vorpommern.

Wenn die sich zusammen schließen würden!

Gemeinsame Protestaktionen und abgestimmtes Wählerverhalten könnte viel in Bewegung bringen.

Arbeitslose hätte viel Arbeit, wenn sie auf ihre Weise an einer besseren Welt mitarbeiten würden.

Und diese 13% haben die anderen 87% als potentielle Verbündete.

Denn Arbeit haben allein macht uns noch nicht gottähnlich.

Es braucht auch entsprechende Bedingungen, dass unsere Arbeit nicht Sklavendienst und Fron ist, sondern Mitarbeit an Gottes Schöpfung.

 

Das ist nicht nur eine Frage von Arbeitszeit, Bezahlung und Urlaubsanspruch.

Jesus sagt zu Marta:

Es ist gut, dass du dir so viel Arbeit machst.

Zu Recht erwartest du dafür Lohn und Anerkennung.

Aber das ist noch nicht alles.

Nimm dir auch Zeit, wie Maria, und frage nach deinem Schöpfer.

Nimm dir auch Zeit und frage nach dem Sinn dessen, was du tust.

Ist es Sklavendienst und Fron, dann ist es gegen Gottes Gebot.

Dann muss deine Arbeit eine andere sein:

Dann heißt es:

Verändere!

verändere Dich,

verändere deine Arbeit

verändere die Welt.

Werde ein freier Mitarbeiter Gottes, (Kette fallen lassen)

baue und bewahre das Paradies,

denn dazu bist du geschaffen.

Amen. (Kruzifix zu den anderen Dingen stellen)