4. Advent-Predigt

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V o r f r e u d e
Predigt über Phil.4,4-7
am 4.Advent 2003 in St.Katharinen

Peter Cornehl

 

 

 

Freuet euch in dem Herrn, allewege, und abermals sage ich: Freuet Euch!

Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!

Der Herr ist nahe!

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen

mit Danksagung vor Gott kundwerden!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Verunft, beweahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Vorfreude, liebe Gemeinde, ist etwas Wunderbares, besonders in diesen Tagen vor Weihnachten.

 

Und es ist gar nicht einfach für einen fünfjährigen Jungen. Da saß er auf einem Stuhl im Flur vor dem Weihnachtszimmer, das drei Tage vor Heiligabend für ihn verschlossen war, und wartete. Wartete, dass sich endlich die Tür öffnen würde. Er war unfähig, etwas anderes zu tun, konnte nicht spielen, nichts selber vorbereiten. Er wartete. Sehnsüchtig, gespannt, fast wie gelähmt. Vorfreude? Ja sicher, aber eine merkwürdig angespannte Vorfreude. So kann es einem gehen in einem bestimmten Alter, wenn sich alles konzentriert auf die eine Frage: Werden meine Wünsche erfüllt?! Auch wenn die Gefahr besteht, dass es anders kommt und die Enttäuschung nicht ausbleibt.

 

Es gibt viele Arten von Vorfreude. Wenn eine Frau und ein Mann ein Kind erwarten, wird die Freude von Tag zu Tag größer, in dem Maße, wie sie spüren, wie das kleine Wesen wächst und sich immer deutlicher bemerkbar macht. Die Vorfreude eilt voraus. Sie setzt die Eltern in Bewegung und strahlt aus. Die Geburt steht nicht einfach nur bevor, die Freude über das erwartete Glück verändert schon jetzt das Leben.

„Freuet euch in dem Herrn, allewege!“, schreibt Paulus an die Christen in Philippi. „Freut euch! Sorgt nicht! Der Herr ist nahe!“ Sein Frieden erfüllt jetzt schon Herzen und Sinne und verwandelt die, die dem entgegen leben.

 

Dass solche Vorfreude uns erfüllen möge, das ist der Wunsch, mehr noch es ist das Geschenk des 4.Advent.

 

Aber geht das eigentlich so auf Knopfdruck: sich freuen? „Freuet euch in dem Herrn allewege!“ Manchen von uns sind die Worte vertraut, man hat sie im Ohr, wie die Wiederholung: „Und abermals sage ich: Freuet euch!“ Das verbindet sich mit einem frommen Tonfall und pastoralem Pathos in der Stimme. Wer es das erste Mal hört, ist wohl eher befremdet. Sich freuen auf Befehl? Das klappt nicht. Und wir reagieren verärgert. Freude muss von innen kommen. Wenn ich leer und müde bin, abgehetzt und überfordert, wie öfter gerade in diesen Wochen, und dann so ein blöder Appell kommt, wehrt sich alles.

 

Und dennoch ist die Bibel, ist auch unser Gesangbuch voll von solchen Aufrufen zur Freude. Haben die Psalmen, die Lieder vielleicht doch Recht? Kann Freude nur von innen kommen? Ein kluger Theologe wie Fulbert Steffensky hat da Einwände. Nein, sagt er, der Glaube baut sich auch von außen nach innen. Unsere Seele ist oft matt und stumpf. Sie braucht den Anstoß von außen. „Tochter Zion, freue dich!“ Wir brauchen den Rippenstoß der Psalmen, die uns ermuntern: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ „Ihr Gerechten, freut euch des Herrn!“ Das ist – genau besehen – kein militärisches Kommando, keine fromme Anmache, es klingt – genau gehört – auch gleich ganz anders, wenn der Ruf musikalisch daher kommt. Mit Pauken und Trompeten: Bόm-bobobobόmbom – „Jauchzet, frohlocket! Auf preiset die Tage!“ In Musik eingewickelt, erreicht uns der Aufruf, trifft uns ins Herz und reißt die Seele mit.

 

Deshalb ist keine andere Jahreszeit und keine andere Kirchenjahreszeit so mit Musik, mit Liedern, mit Singen verbunden wie die Adventszeit. Natürlich geht es einem irgendwann auf den Wecker, wenn allüberall aus Lautsprechern dasselbe süßliche Zeugs hervorquillt. Aber Bach hat Recht: „Lasset das Zagen, verbannet die Klage“, auch die Konsumrausch-Berieselungs-Klage! Holt die Noten heraus, macht das Gesangbuch auf und lasst uns singen! In keiner anderen Jahreszeit wird in der Christenheit so viel musiziert, so viel gesungen wie im Advent, einstimmig, mehrstimmig, mit und ohne Instrumente. Nichts gegen eine besinnliche Stunde mit Kerzen zu Hause vor dem Plattenspieler, doch viel schöner ist es mit anderen zusammen die alten Lieder anzustimmen. Und auch wenn wir sonst den Mund nicht aufkriegen, im Advent geht es auf einmal und wir freuen uns auf das gemeinsame Singen, mit Kindern, mit Freunden, in der Gemeinde, im Gottesdienst.

 

„Freuet euch in dem Herrn – allewege“, überall, allezeit, wo immer ihr seid!

 

Liebe Gemeinde! Die Situation, in der Paulus war, als er diese Sätze schrieb, war übrigens alles andere als gemütlich. Paulus schreibt aus der Haft, das erfahren wir zu Beginn des Philipperbriefes. Er sitzt im Gefängnis. Vermutlich in Ephesus, einer Hafenstadt an der Mittelmeerküste Kleinasiens, in der heutigen Türkei. Wenn das stimmt (ganz genau wissen wir es nicht), dann sind dort dramatische Ereignisse voraus gegangen. Es gibt in der Apostelgeschichte (Apg.19,23ff.) den Bericht vom Aufruhr des Demetrius in Ephesus, eine demagogische Szene, wo der Goldschmied Demetrius, Vertreter einer Branche, die von der Produktion einheimischer Götterbilder und Tempelsouvenirs lebt, auf einmal feststellt, dass die Verkündigung der christlichen Missionare ihnen das Geschäft ruiniert. Es gelingt ihm, die Wut der Bevölkerung gegen diese unverschämte Art der Religionskritik zu lenken. Wir kennen solche Szenen aus unseren Tagen: aufgeputschte, fanatisierte Massen, die anfangen, Lynchjustiz zu üben. Paulus, so heißt es, kann dem mit Mühe entgehen. Aber offenbar ist er später in Ephesus doch noch in Haft genommen worden und wartet nun im Gefängnis auf seinen Prozess. Dessen Ausgang ist ungewiss. Möglicherweise droht ihm die Todesstrafe. Denn auf den leisesten Verdacht von Aufstand und Rebellion reagiert das Imperium mit aller Härte. Damals wie heute. Und es ist auch bekannt, wie es in diesen Gefängnissen zuging. Schläge, brutale Behandlung, Demütigungen waren üblich. Obwohl Paulus als römischer Bürger nicht ohne Rechte war – völlig isoliert war er anscheinend nicht, er konnte Besuch empfangen und Briefe schreiben – , war seine Situation dennoch äußerst bedrohlich.

 

Und dann dieser Brief, diese Sätze, die wir gehört haben. Erstaunlich, nicht wahr?! Der da schreibt, wirkt überhaupt nicht verängstigt oder verzweifelt. Im Gegenteil, gelassen, voller Zuversicht, fast heiter schreibt Paulus den Philippern: „Freut euch! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts!“ Ist er blind, ist er naiv, will er die Realität nicht sehen, wie sie ist? Ich glaube nicht. Aber es stimmt: Es ist, als ob Paulus in einer anderen Wirklichkeit lebt. Oder besser: von einer anderen Wirklichkeit lebt, die ihm wirklicher ist als die, die ihn im Gefängnis umgibt. Er lebt in der Nähe einer anderen Wahrheit, die auch von außen kommt, die ihn aber bis ins Innerste seiner Existenz verändert hat. Es ist die Wahrheit Jesu. Die Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus hat sein Leben radikal verwandelt. Das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Christus ist mehr als eine andere Weltdeutung, es ist eine Realität, eine Lebensenergie, die diejenigen, die sich darauf verlassen, befähigt, anders auf ihre Umwelt zu reagieren. „Der Herr ist nahe!“ Aus dieser geglaubten, erhofften und anfänglich auch erfahrenen Nähe folgt eine neue Praxis: Auf Feindseligkeit antworten die Christen mit Freundlichkeit, auf Hass mit Güte, auf Sorgen mit Gebet und Danksagung, auf Unfrieden mit dem Friedensgruß.

 

Die Nähe Christi hat Konsequenzen. Die erste Konsequenz lautet: „Lasst alle Menschen eure Güte erfahren.“ Das Wort, das der Apostel da benutzt, επιεικής, ist selten im Neuen Testament. Es meint so etwas wie Güte und Freundlichkeit, aber auch Nachsicht und Milde. Luther selbst (die Älteren erinnern sich) übersetzt es mit „Lindigkeit“. „Eure Lindigkeit lasset kundtun allen Menschen“. Das ist altmodisch und schön. Die linden Lüfte sind lieblich und angenehm. Mädchen heißen Linda, Früher manchmal Mädchen Gerlinde oder Sieglinde. Wir freuen uns auch heute noch über das helle Grün der Linden, lindgrün hat etwas Hoffnungsvolles, ist kräftig und zart zugleich. „Eure Lindigkeit“. So zauberhaft das klingt, wir brauchen wohl eine andere Übersetzung. Vermutlich reicht ein Wort nicht aus, um die Fülle dessen auszuschöpfen, was damit gemeint ist. Das Wort „Güte“, das die revidierte Lutherbibel benutzt, kommt dem immer noch am nächsten. Aber was ist das: „Güte“? Elias Canetti, der Dichter und politische Denker, schreibt dazu (in seinen Aufzeichnungen „Die Provinz des Menschen“ und Wolfgang Teichert zitiert es in einer schönen Predigtstudie zu unserem Text):

Wer Güte sagt, „meint ein sehr scharfes Misstrauen gegen alle Verwendung von Menschen zu Zwecken, die ‚höher’ sein sollen, aber nur die anderer sind. Er meint Offenheit und Spontaneität, eine nie ermüdende Neugier für Leute, die sie einbezieht und begreift. Er meint Dankbarkeit für solche, die zwar nichts für einen getan haben, aber sie gehen auf einen zu, sie sehen einen und haben Worte. Er meint Hoffnung trotz Verzweiflung, die aber diese nie verschweigt. … Er meint Leidenschaft, die auch andere gelten lässt. Er meint Staunen.“

 

„Lasst alle Menschen eure Güte erfahren.“ Die Erfahrung solcher Güte ist ein Geschenk. Ach ja, und dann seufzen wir, denn es ist nicht immer leicht mit der Güte und der Mahnung zur Freundlichkeit, gerade in diesen Wochen vor Weihnachten nicht. Wir wisse, wie rasch sich in dieser stressigen Zeit Gereiztheit breit macht, wie schnell wir unter Druck geraten, aus der Haut fahren und explodieren in einer unguten Mischung aus Überforderung, Zeitnot und Erschöpfung. Wenn wir uns angegriffen fühlen, reagieren wir scharf und hart. Ein Wort gibt das andere. Plötzlich ist die schöne vorweihnachtliche Atmosphäre dahin. Später tut es uns Leid. Wir entschuldigen uns, manchmal halbherzig und oft zu spät. Ach, wenn wir doch die Kraft hätten, der Güte Raum zu geben und die destruktiven Kreisläufe zu durchbrechen! Paulus traut es uns zu: „Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit erfahren!“ Die Güte ist der bessere Weg.

 

Das gilt im zwischenmenschlichen Bereich ebenso wie im politischen. In Heinrich Manns großartigem Roman „Die Jugend des Königs Henri Quatre“, 1935 im französischen Exil veröffentlicht, einer Parabel gegen den Terror der Faschisten in Deutschland und Spanien, ist „Güte“ ein politisches Programmwort. König Heinrich IV. setzt Güte gegen Gewalt, Mord, Hass, Fanatismus, gegen die Mächte, die Frankreich in den religiösen Bürgerkriegen des 17. Jahrhunderts verwüstet haben. Auf dem Hintergrund der entsetzlichen Blutbads der Bartholomäusnacht, in der die protestantischen Hugenotten von ihren Gegnern abgeschlachtet wurden, und gegen alle Rufe nach Rache und Vergeltung setzt Henri Quatre die Praxis der Güte, der Verständigung, der Toleranz, und öffnet damit einen Ausweg aus der tödlichen Spirale von Hass und Gewalt. „Die Gewalt ist stark. Stärker ist die Güte.“ Dieses Wort des Philosophen Michel de Montaigne (schreibt Heinrich Mann) „vergaß Henri nie wieder, weil er es gehört hatte, als es sein ganzer Trost war.“

 

„Die Gewalt ist stark.“ Das ist nach wie vor unheimlich aktuell, auch im Jahre 2003. „Stärker ist die Güte.“ Geben wir auch diesem Satz eine Chance? Ich glaube, das wäre auch in unseren Tagen eine große politische Hoffnung. Für Paulus ist es die erste Konsequenz aus der geglaubten und erfahrenen Nähe Christi. „Lasst alle Menschen eure Güte erfahren.“

 

Der Apostel nennt eine zweite Konsequenz. Sie ist nicht weniger erstaunlich: „Sorgt euch um nichts!“ Ein fast verrückter Satz angesichts der Situation, in der er sich befand – und angesichts der Situation, in der wir uns befinden. Natürlich sorgen wir uns. Wie wird es weitergehen in diesen unsicheren Zeiten, angesichts durchaus bedrohlicher Entwicklungen, mit denen wir konfrontiert sind. Wird es genug Arbeit geben für uns, für die Menschen, mit denen wir verbunden sind, für unsere Kinder? Sinnvolle Arbeit, von der man leben kann? Werden wir gesund bleiben, wieder gesund werden? Wie gehen wir mit den Erkrankungen um, an denen wir leiden? Wie wird es weitergehen in unserer Gesellschaft? Wird es gelingen, Reformen durchzusetzen, die allen eine Zukunft in Gerechtigkeit sichern? Wie wird es weitergehen in unserer Kirche angesichts der enormen finanziellen und vor allem der geistlichen Herausforderungen, vor denen die Gemeinden stehen?

 

Wir können die Sorgen nicht einfach verscheuchen. Paulus rät etwas anderes: Verwandelt sie in Bitten, in Fürbitten, in Dank! „Sorgt euch um nichts, sondern worum ihr zu bitten habt, das bringt in Gebet und Danksagung vor Gott.“ Legt, was euch bewegt, Gott vor, vertraut es ihm an. Vertraut euch ihm an. Die Kraft des Gebets verwandelt Sorge in Vertrauen.

 

„Betest du eigentlich?“, fragte mich neulich meine Krankengymnastin, während sie mir eine Akupunkturnadel setzte. Ich zuckte wohl etwas zusammen, weil das überraschend direkt war. Und sagte dann. „Ja“. Und sie sagte: „Ich auch. Wir sind ein kleiner Kreis, wir beten täglich für einander. Und ich merke“, fügte sie hinzu, „wie wichtig das ist, wie sehr wir dadurch über große Entfernungen verbunden sind und uns getragen wissen.“ Das Gebet hat eine eigene Kraft. Es enthebt uns nicht unserer Verantwortung für uns, für einander, für diese Welt. Im Gebet übernehmen wir die Verantwortung. Aber das Gebet verwandelt Sorge in Vertrauen. Es führt uns heraus aus der stummen Vereinzelung heraus bringt unser Leben, mit seinem Glück und seinen Schmerzen, sehnsuchtsvoll und hoffnungsvoll in die Nähe Gottes, in den Wirkbereich seines Schalom.

 

Ich glaube übrigens, dass Paulus in diesen Sätzen auch an den Gottesdienst denkt. „Sorgt euch um nichts, sondern worum ihr zu bitten habt, das bringt in Gebet und Danksagung vor Gott.“ Ich lese das als einen versteckten Hinweis auf den Gottesdienst, sozusagen an der Zensur vorbei. Die gottesdienstliche Versammlung der Christen in Philippi und anderswo ist der Raum für das gemeinsame Gebete, wo Bitte, Fürbitte, aber auch Freude und Dank ihren Ort haben. Und möglicherweise hat Paulus ja auch noch ein anderes Codewort eingeschmuggelt, wenn er in diesem Zusammenhang von der Danksagung spricht. Das griechische Wort heißt: ευχαριστία. Vielleicht ist das ein Hinweis auf die Eucharistie, das Abendmahl, wo die Gläubigen in einer ganz eigenen Weise die Nähe Christi erfahren, wenn sie ihn anrufen: „Ja, komm, Herr Jesus! Maranatha!“, wenn sie Dank sagen für die Gaben der Schöpfung und in Brot und Wein die Gemeinschaft mit Christus feiern, die sie, die uns zu einem Leib zusammenschließt.

 

„Freuet euch in dem Herrn, allewege!“ Vorfreude, liebe Gemeinde, ist etwas Wunderbares. Dass wir uns auf Weihnachten freuen, auf die Geburt Christi, auf seine Zukunft, uns so sich freuen, dass darüber alle Dunkelheit weicht und das Leben hell wird, dass Angst sich in Freude verwandelt, Sorge in Bitte und Dank, Unfriede in Frieden – das wünsche ich mir, das wünsche ich uns in diesen Tagen und jetzt in diesem Gottesdienst.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft und weiter ist als alles Verstehen, der halte die Wacht über eure Herzen und Sinne“. Amen.